Durchatmen

Durchatmen – Blick von der Kirchhöf in Richtung Schlegelsberg, Biederbach (Aquarell, 56×20, 2017)

 

(I) Atmen, du unsichtbares Gedicht!

Atmen, du unsichtbares Gedicht!
Immerfort um das eigne
Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht,
in dem ich mich rhythmisch ereigne.

Einzige Welle, deren
allmähliches Meer ich bin;
sparsamstes du von allen möglichen Meeren, –
Raumgewinn.

Wieviele von diesen Stellen der Räume waren schon
innen in mir. Manche Winde
sind wie mein Sohn.

Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte?
Du, einmal glatte Rinde,
Rundung und Blatt meiner Worte.

Rainer Maria Rilke  (1875-1926)

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Innehalten

Der Blick aus unserem Wohnzimmer fasziniert mich immer wieder: Man sieht auf den Hörnleberg mit der Wallfahrtskapelle „Unsere Liebe Frau“, der uns je nach Tages- oder Jahreszeit immer wieder etwas anders erscheint. Mit diesem Blick verbinde ich Heimat, Glaube und Zuversicht. Ein besonderer Zauber liegt abends über dieser Landschaft. Dann muss man einfach innehalten und sich die Schönheit der Natur bewusst machen.

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Abendstimmung am Hörnleberg (2015)

Innehalten

von Rainer Maria Rilke

Man muss den Dingen die eigene, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief vom Innern kommen muss
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann.

Alles ist austragen und dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne die Angst, dass dahinter kein Frühling kommen könnte.

Er kommt doch.

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit.

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken eines fremden Tages
in die Antwort hinein.