Stolz – Eilean Donan Castle

Stolz – Eilean Donan Castle/Schottland (Aquarell, 30×40, 2017)

 

Das Bettelmädchen

Das Bettelmädchen lauscht am Tor,
Es friert sie gar zu sehr.
Der junge Ritter tritt hervor
Und wirft ihr hin den Mantel
Und spricht: „Was willst du mehr?“

Das Mädchen sagt kein einzig Wort,
Es friert sie gar zu sehr.
Dann geht sie stolz und glühend fort
Und läßt den Mantel liegen
Und spricht: „Ich will nichts mehr!“

Christian Friedrich Hebbel

Eleganz

Eleganz – Schwalbenschwanz auf Sommerflieder (Acryl auf Leinwand, 60×80, 2017)

 

Wilhelm Busch

Der Ruhm

Der Ruhm wie alle Schwindelware,
Hält selten über tausend Jahre.
Zumeist vergeht schon etwas eh’r
Die Haltbarkeit und die Kulör.

Ein Schmetterling voll Eleganz,
Genannt der Ritter Schwalbenschwanz,
Ein Exemplar von erster Güte,
Begrüßte jede Doldenblüte
Und holte hier und holte da
Sich Nektar und Ambrosia.

Mitunter macht er sich auch breit
In seiner ganzen Herrlichkeit
Und zeigt den Leuten seine Orden
Und ist mit Recht berühmt geworden.

Die jungen Mädchen fanden dies
Entzückend, goldig, reizend, süß.

Vergeblich schwenkten ihre Mützen
Die Knaben, um ihn zu besitzen.

Sogar der Spatz hat zugeschnappt
Und hätt‘ ihn um ein Haar gehabt.

Jetzt aber naht sich ein Student,
Der seine Winkelzüge kennt.

In einem Netz mit engen Maschen
Tät er den Flüchtigen erhaschen,
Und da derselbe ohne Tadel,
Spießt er ihn auf die heiße Nadel.

So kam er unter Glas und Rahmen
Mit Datum, Jahreszahl und Namen
Und bleibt berühmt und unvergessen,
Bis ihn zuletzt die Motten fressen.

Man möchte weinen, wenn man sieht,
Daß dies das Ende von dem Lied.

 

Quelle: http://www.wilhelm-busch-seiten.de/gedichte/letzt88.html

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Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?

Mediterran – Punta San Vigilio am Gardasee, Italien (Aquarell, ca. 40×50, 2017)

 

Johann Wolfgang von Goethe

Mignon

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?-
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Hoehlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stuerzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin, dahin
Geht unser Weg.
O Vater, lass uns ziehn!

 

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-wolfgang-goethe-gedichte-3670/39

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Winterliche Vogelschau

Vogelschau
Winterliche Vogelschau (Acryl auf Leinwand, 30×70, 2016)

 

Berhold Brecht

Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster

Ich bin der Sperling.
Kinder, ich bin am Ende.
Und ich rief euch immer im vergangenen Jahr,
wenn der Rabe wieder im Salatbeet war.
Bitte um eine kleine Spende.

Sperling, komm nach vorn.
Sperling, hier ist dein Korn.
Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin der Buntspecht.
Kinder, ich bin am Ende.
Und ich hämmere die ganze Sommerzeit,
all das Ungeziefer schaffe ich beiseit.
Bitte um eine kleine Spende.

Buntspecht, komm nach vorn.
Buntsprecht, hier ist dein Wurm.
Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin die Amsel.
Kinder, ich bin am Ende.
Und ich war es, die den ganzen Sommer lang
früh im Dämmergrau in Nachbars Garten sang.
Bitte um eine kleine Spende.

Amsel, komm nach vorn.
Amsel, hier ist dein Korn.
Und besten Dank für die Arbeit!

Seiltänzer

 Seiltänzer

Die Seiltänzer

von Georg Heym

Sie gehen über den gespannten Seilen
Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen.
Und ihre Hände schweben über allen,
Die flatternd in dem leeren Raum verweilen.

Das Haus ist übervoll von tausend Köpfen,
Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren
Wo oben hoch die dünnen Seile knarren.
Und Stille hört man langsam tröpfeln.

Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde
Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren
Und oben hoch im leeren Baume springen.

Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken
Und ihre großen Drachenschirme schwingen,
Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.

(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-2980/40)

Innehalten

Der Blick aus unserem Wohnzimmer fasziniert mich immer wieder: Man sieht auf den Hörnleberg mit der Wallfahrtskapelle „Unsere Liebe Frau“, der uns je nach Tages- oder Jahreszeit immer wieder etwas anders erscheint. Mit diesem Blick verbinde ich Heimat, Glaube und Zuversicht. Ein besonderer Zauber liegt abends über dieser Landschaft. Dann muss man einfach innehalten und sich die Schönheit der Natur bewusst machen.

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Abendstimmung am Hörnleberg (2015)

Innehalten

von Rainer Maria Rilke

Man muss den Dingen die eigene, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief vom Innern kommen muss
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann.

Alles ist austragen und dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne die Angst, dass dahinter kein Frühling kommen könnte.

Er kommt doch.

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit.

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken eines fremden Tages
in die Antwort hinein.